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Ensuite – Kulturmagazin/Kulturagenda Schweiz – Menschen (March 2006)

anna tanzt kein pas de deux

Textausschnitt: Anna Heinimann ist Tänzerin. Sie ist schlank, bewegt sich geschmeidig und isst unglaublich gerne. Das kurze Haar verschont sie vor Ballettfrisuren. Anna wirkt
manchmal wie ein scheues Reh, aber sie kann auch beharrlich sein. Schalk und Lebensfreude sprühen beim Erzählen aus ihren Augen. Sie ist sechsundzwanzig Jahre alt. Sie absolvierte eine Tanzausbildung in Berlin.
«Das Tanzen hat für mich schon früh dazugehört. Es sorgt für Stabilität und Konstanz in meinem Leben, gerade wenn der Alltag und der Freundeskreis sich verändert.»
Nach der obligatorischen Schulzeit macht Anna den Semer. Danach unterrichtet sie ein Jahr lang. Der Wunsch zu tanzen bleibt. Die geeignete und bezahlbare
Schule im Bereich contemporary dance findet sich im Ausland. Anna tanzt in verschiedenen Städten vor.
Sie wird aufgenommen an der Tanzakademie balance 1in Berlin. Die Schule ist ihr sofort sympathisch, sie ist klein und familiär. Die Ausbildung zur zeitgenössischen
Bühnentänzerin dauert drei Jahre. Der Stundenplan beginnt jeden Morgen mit Ballett. Es gibt Kleidervorschriften: rosa Strumpfhose, schwarzes Spaghettiträger-Trikot, weisse Ballettschuhe und eine Duttfrisur, wenn das Haar lang ist. Die Zehen bleiben vom Spitzentanz verschont. Auch wird kein pas de deux einstudiert. Neben
Ballett trainiert Anna Modern, Jazztanz und Partnering. Im Letzteren werden Hebungen geübt. «Wenn Griffe und Handstellungen sitzen, ist das Heben nicht anstrengend.
» Der Stundenplan wird je nach Semester ergänzt mit Schauspiel, Anatomie, Tanztheorie, Musik, Rhythmik und Tanzgeschichte. Der Tanzstil ist ein Stilmix von Ballett, Modern, Jazztanz und allen Bewegungen, die dem Körper zu entlocken sind.
Der Alltag in Berlin ist für Anna weniger aufregend, als man denken mag: Training und nochmals Training, Muskelkater und viel schlafen. Es gibt Durchhänger, aber
Anna will nie ernsthaft zu tanzen aufhören. Sie lebt in einer WG zusammen mit einer anderen Schweizerin, die als Bühnenbildnerin arbeitet.
Ein unvergesslicher Moment im Sommer: Anna tanzt den ganzen Tag, kauft einen Schwimmring, fährt an einen See und badet. «Ich dachte, was für ein schönes Leben
und was für ein Glück ich habe.»

Warum tanzt Anna? «Ich tanze, weil ich das kann und es gibt mir Energie.» Der Körper ist Annas Instrument. Tanzen verlangt eine ständige Balance zwischen sorgsamem Umgang mit dem Körper und dem Wissen, wieviel ihm zugemutet werden kann. Tanzen bedingt hundertprozentige Präsenz und es werden Endorphine ausgeschüttet. In Berlin war ich sehr ausgeglichen.»
Im zeitgenössischen Tanz dürfen die Frauen gut genährt sein. Kraft und Gefühle wollen vermittelt werden, es geht nicht nur um Grazie und Konformität. «Mir gefällt
es besser, zu beobachten, was aus dem Bewegungsfluss passiert und wie mein Körper darauf reagiert.»
«Es wäre ideal, vom Tanzen leben zu können. Gleichzeitig ist es mir wichtig, nicht abzudriften. Das Hin und Her ist nicht einfach, aber es gibt mir Bodenständigkeit und Realitätsbezug. Die Kunstwelt kann auch künstlich sein.»